Diagnoseweg

Es war ein langer Weg für mich bis zu meiner Diagnose.

Psychologischer Dienst
Bereits als Kind zeigte ich Auffälligkeiten und war deswegen in Behandlung bei meinem psychologischen Dienst. Ich erinnere mich nur noch unklar an diese Zeit, aber damals war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt. In dem Therapieraum selbst gab es einen Tisch mit zwei Stühlen, aber auch einige Spielsachen und ein Puppenhaus. Ich erinnere mich daran, wie ich mit der Psychologin an einem Tisch saß und sie mir Fragen stellte, auf die ich jedoch keine Antwort hatte. Ich war nicht einmal in der Lage dazu, die Fragen zu beantworten. Stattdessen saß ich also ruhig auf meinem Platz. Ich weiß noch, wie ich dort saß und aus dem Fenster blickte, um den gegenüberliegenden Baum zu beobachten. Ich mochte es, wenn sich seine Äste im Wind wiegten.

Irgendwann sollte ich dann mit dem Puppenhaus spielen, während sich die Psychologin neben mich setzte und beim Spiel zuschauen wollte. Ich saß wieder stocksteif auf meinem Stuhl, konnte mich keinen Millimeter rühren. Die Psychologin redete auf mich ein, versuchte mich mit Worten zum Spielen zu verleiten. Sie nahm selbst die Figuren in die Hand und führte sie durch das Puppenhaus. Ich wiederum saß bewegungsunfähig auf meinem Stuhl, weil die Aufgabe mich maßlos überforderte.

An einem anderen Tag ging die Psychologin mit mir in den Keller. Dort gab es ein Kreativzimmer und einen Sportraum. Sie sagte mir, dass ich gerne an den Geräten turnen durfte, während sie in der Nähe blieb. Wieder blieb ich stocksteif auf der Stelle stehen, an der die Psychologin mich alleingelassen hatte. Ich rührte mich nicht vom Fleck. Überfordert starrte ich zu den Turngeräten.

Eines Tages übermittelte ich meiner Mutter, dass ich die Therapie nicht weitermachen wolle; sie ergab für mich einfach keinen Sinn. Einige Jahre später sah ich die Psychologin jedoch wieder; damals war ich noch immer ohne Diagnose. Sie erinnerte sich sogar noch an mich und sagte zu meiner Mutter: „Sarinijha war bei den Therapien häufig abwesend; sie schaute aus dem Fenster und schien in einer anderen Welt zu sein.“

Schulpädagogin
Als Jugendliche litt ich dann unter dem Mobbing meiner Mitschüler und Lehrer. Immer wieder wurde ich auf mein Schweigen und meine Andersartigkeit angesprochen und hatte ein Gefühl, als gehörte ich nicht in diese Welt. Mir wurden Fragen gestellt, auf die ich keine Antwort wusste. Ich bekam im Laufe der Zeit schwere Depressionen. Eigentlich wollte ich ganz in Ruhe leben, aber stattdessen entwickelte ich immer mehr Misstrauen und zweifelte an mir und meinem Verstand. Ich zog mich zurück, entfernte mich von meinen wenigen Freunden und meiner Familie. Oft saß ich allein in meinem Zimmer. Ich ließ tagsüber die Rollläden runter, um die Welt mit all ihren Reizen von mir auszuschließen. Durch dieses Verhalten gelangte ich am Ende zur Schulpädagogin. Damals war ich fünfzehn Jahre alt.

Ich erhoffte mir keine Hilfe und bekam auch keine. Vielmehr legte mir die Schulpädagogin ans Herz, dass ich in eine psychiatrische Klinik gehen sollte. Am Anfang weigerte ich mich noch, aber mit der Zeit redeten immer mehr Menschen auf mich ein.

Psychiatrische Klinik
So kam es, dass ich ein Einweisungsgespräch in der psychiatrischen Klinik bekam. Ich hatte damals sehr naive Vorstellungen von diesen Kliniken. Ehrlich gesagt dachte ich, dass ich die Klinik in vollkommen gesundem und ‚normalen‚ Zustand verlassen würde. Ich legte meine ganze Hoffnung in diesen Aufenthalt. Schon beim Einweisungsgespräch sprach ich kein Wort mit dem Therapeuten. Stellte er mir eine Frage, gab ich keine Antwort. Wiederholte die Schulpädagogin die Frage, versuchte ich Worte zu finden und eine Antwort zu geben. Am Ende des Gesprächs sagte der Therapeut: „Mh, das ist in der Tat sehr auffällig. Sarinijha spricht nur mit der Schulpädagogin. Sie hat mir während des gesamten Gesprächs keine Frage beantwortet, sondern nur mit ihr vertrauten Personen gesprochen. Äußerst interessant!“ Im Abschlussbericht stand, dass bei mir ein selektiver Mutismus vorliegt.

Der Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik war für mich die Hölle. Obwohl der Therapeut wusste, dass ich nicht mit fremden Menschen sprach, bot er mir keine einzige Alternative an. Für Gesprächstherapien war eine Anmeldung vorne im Büro notwendig. Da ich jedoch nicht zum Büro und um einen Termin bitten konnte, hatte ich während meines achtwöchigen Aufenthalts nur einen einzigen Termin bei dem Therapeuten. Und diesen Termin hatte eine andere Patientin für mich gemacht. Anonsten hatte ich eine einzige  interaktive Therapie und drei Stunden Kunsttherapie. Die restliche Zeit verbrachte ich genau wie daheim in meinem Zimmer.

In der ersten Klinikwoche hatte ich eine Krise. Ich weinte und schaukelte mit dem Körper, als eine Mitpatientin zu mir kam und mich zu trösten versuchte. Ein Betreuer sah das und kam zu uns: „Weg da! Sarinijha braucht niemanden, der ihr den Rücken tätschelt.“ Ich kann gar nicht mit Worten beschreiben, wie einsam ich mich in dem Moment fühlte. Es war eine Bestätigung, dass ich keine Liebe und keine Zuversicht verdient hatte. Auch eine der Nachtschwestern stürzte mich in Verzweiflung. Jeden Abend, wenn sie auf die Station kam, sah sie mich und sagte: „Sarinijha, du bist eine richtige Zicke!“ Ich verstand nicht, weshalb sie mir gegenüber diese Beleidigung anbrachte, denn ich sprach mit niemandem ein Wort. Eines Tages fragte ich sie jedoch: „Wieso bin ich eine Zicke?“ Die Nachtschwester sah mich an und antwortete: „Das ist ganz einfach; weil du nie Emotionen zeigst. Wie jetzt in diesem Moment. Du hast überhaupt keine Mimik, keine Gestik, und aus diesem Grund bist du für mich eine Zicke.“ Das hatte für mich keinerlei Logik.

Ambulante Therapie
Nach den acht Wochen in der Klinik betrank ich mich mit Alkohol. Ich war verzweifelt und bat meine Eltern darum, mich endlich aus der Klinik zu befreien. Sie holten mich sofort raus, jedoch ging es mir mittlerweile wesentlich schlechter als vor dem Aufenthalt. Es war schwer für mich zu akzeptieren, dass ich dort keinerlei Hilfe bekommen hatte. Ich fühlte mich plötzlich fremd in mir und meiner Umwelt, hatte schwere Dissoziationen. Durch meinen damaligen Hausarzt fand ich zum Glück schnell eine ambulante Therapie.

Meine damalige Therapeutin war eine einfühlsame und kompetente Frau, aber leider erkannte sie den Autismus nicht. Ich brauchte insgesamt acht Monate, bis ich mehr als einige Phrasen mit meiner Therapeutin sprechen konnte. Später gestand sie mir sogar, dass sie die Therapie beinahe abgebrochen hätte. Ich selbst war zu der Zeit seelisch sehr angeschlagen und erhielt am Ende die Diagnosen ‚Sozialphobie‘, ‚Angststörung‘ und ‚Borderline Persönlichkeitsstörung‘.

Wenn ich an meine dreijährige ambulante Therapie zurückdenke, sehe ich seltsamerweise vor allem den Teppich vor mir. Es gab in der Praxis diesen Teppich, der mich voll und ganz in seinen Bann zog. Das Muster bestand aus Rechtecken und Quadraten, deren Anordnung keinen Sinn ergab. Es gab keine Ordnung darin; zudem waren einige Farben heller und andere dunkler. Fast so, als wären einige Formen von der Sonne ausgeblichen. Ich machte mir in unzähligen Sitzungen viele Gedanken über diesen Teppich und was der Hersteller sich bei dem Muster gedacht haben musste.

Selbsthilfegruppen
Zur gleichen Zeit meiner Therapie besuchte ich auch Selbsthilfegruppen. Ich war noch immer auf der Suche nach mir und hatte die Hoffnung, dass ich in den Gruppen vielleicht Gleichgesinnte finden würde. So besuchte ich Selbsthilfegruppen zum Thema ‚Sozialphobie‘, ‚Angststörungen‘ und ‚Seelische Erkrankungen‘. Doch ich fühlte mich immer fehl am Platz, denn die Menschen dort und ich hatten kaum Gemeinsamkeiten. Ich fragte mich, wie das sein konnte, wo sie doch die gleichen oder ähnliche Diagnosen hatten. Vor allem sagten die Leute dort immer den gleichen Satz: „Ich möchte mein Leben zurück. Ich möchte wieder so sein wie früher, bevor diese Probleme auftauchten.“ Ich saß dort und schüttelte innerlich den Kopf. Ich selbst kannte kein Leben vor meinen Problemen. Ich war immer schon anders gewesen.

Damals schrieb ich in mein Tagebuch: „Ich habe mich nun entschlossen, nicht mehr zur Selbsthilfegruppe zu gehen. Es ergibt einfach keinen Sinn, da ich kein Wort sagen kann. Ich habe eine Stimme und im Grunde genommen kann ich sprechen, aber irgendetwas hindert mich daran; ich finde keine Erklärung dafür. Ich werde niemals so sein, wie die anderen Menschen da draußen. Ich werde niemals denken, handeln und fühlen wie sie. Ich werde die Welt niemals so betrachten können, wie sie es tun. Eine Welt, bon der ich weiter nicht entfernt sein könnte. Ich lebe auf der Welt, aber ich nehme gar nicht richtig an ihr teil.“ Folglich hörte ich mit den Selbsthilfegruppen auf, besuchte noch ein weiteres Jahr meine Therapie und bekam dann keine Verlängerung von meiner Krankenkasse. Es störte mich nicht, denn ich sah keinen Sinn mehr darin und verspürte keine Verbesserung meiner Probleme.

Frauenberatungsstelle
Zwei Jahre nach dem Beenden meiner ambulanten Therapie hatte ich einige meiner seelischen Probleme in den Griff bekommen, bemerkte aber trotz allem, dass ich noch immer Schwierigkeiten mit der Kommunikation und sozialen Interaktion hatte. Ich versuchte vergeblich eine Ausbildungsstelle zu finden und beschloss, dass ich die Frauenberatungsstelle meiner Stadt aufsuchen würde. Ich hoffte immer noch, dass mir irgendein Mensch helfen und sagen könnte, weshalb ich mich dermaßen von anderen Menschen unterschied.

Hier geriet ich wieder an eine nette, junge Frau. Ich hatte großes Glück, denn sie gab mir sogleich Termine und fand immer irgendwelche Lücken, um persönliche Gespräche mit mir zu führen. Doch auch sie stürzte mich erneut in Verzweiflung. Sie stellte mir ganz seltsame Fragen, wie: „Sarinijha, stellen Sie sich vor, Ihre Mutter würde anrufen und Sie fragen, was Ihre Oma über Sie denkt. Was meinen Sie wohl, was würden Sie ihrer Mutter sagen?“ Mit dieser Art der Fragestellung fühlte ich mich überfordert, denn ich konnte mir nicht vorstellen, was meine Oma über mich sagen würde. Beim nächsten Termin stellte sie die Frage anders: „Sarinijha, was meinen Sie, was Ihre Mutter über Sie denkt?“ Noch immer überforderte mich die Situation und ich hatte keine Ahnung. Also schwieg ich. Am Ende des dritten Termins sah die junge Frau mich an und fragte deutlich traurig: „Werden Sie zum nächsten Termin hier sein?“ Ich antwortete ihr ehrlich: „Nein, ich war heute zum letzten Mal hier.“

Neurologe
Ich versuchte weiter eine Ausbildungsstelle zu finden, lag jedoch jede Nacht wach und machte mir Sorgen. Eines Nachts hörte ich dann ein Interview im Radio. Ich lauschte den Worten des jungen Mannes. Er erzählte von seinen Problemen im kommunikativen und sozialen Bereich. Ich saß kerzengerade in meinem Bett und dachte, dass er der einzige Seelenverwandte auf dieser Welt von mir sein musste. Und dann sagte er, dass er Autist sei. Ich schüttelte bloß meinen Kopf und dachte, dass ich doch keinesfalls Autistin sein könnte.

Schließlich fand ich eine Ausbildung und verdrängte das Interview. Erst einige Wochen später, als ich kommunikative Probleme auf der Arbeit und in der Berufsschule hatte, dachte ich wieder an den jungen Mann im Radio. ‚Autismus‘, ging es mir durch den Kopf. Das Wort war schwer und kantig für mich, als würde es mindestens eine Tonne wiegen. Im Internet fand ich eine Checkliste und stellte fest, dass ich die meisten Punkte bejahte. Doch noch immer konnte ich mich nicht mit dem Wort ‚Autismus‘ identifizieren. Also zeigte ich meiner Mutter die Checkliste, damit sie mich ‚zur Vernunft‘ bringen würde. Meine Mutter hingegen sah mich an und sagte: „Das mit dem Autismus hat schon damals deine Grundschullehrerin gesagt.“ Sie hatte was?!

Ich fasste meinen Mut zusammen und rief meine Grundschullehrerin an, die mir die Aussage meiner Mutter bestätigte: „Als ich dich kennenlernte, habe ich angefangen Bücher über Autismus zu lesen. Ich fand viele Parallelen. Du standest immer mit dem Rücken zum Schulgebäude, lehntest dort an der Wand und warst in deine eigene Welt versunken.“ Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie ich immer am Gebäude stand. Es gab mir Sicherheit. Der Schulhof war laut und voll, ohne System. Mit dem Rücken zur Wand hatte ich die Gewissheit, dass sich niemand hinter mir befindet und ich konnte auf diese Weise auch den Schulhof im Blick behalten. Meine Grundschullehrerin riet mir am Telefon, mir bei einem Fachmann eine Diagnose geben zu lassen.

Und das war der letzte Schritt zu meiner Diagnose. Ich suchte lange im Internet und fand schließlich einen Neurologen, der sich mit dem Thema Autismus auskennt. Vier Monate wartete ich auf den Termin. Dann wartete ich auf weitere Termine. Schließlich stellte er die Diagnose: ‚Asperger Syndrom‘. Trotz allem brauchte ich viele Monate, um die Diagnose zu akzeptieren und anzunehmen. Ich besuchte auf Anraten des Neurologen sogar wieder eine Selbsthilfegruppe, in der ich andere Autisten kennenlernte und meine Diagnose bestätigt sah. Ich fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben angekommen.