Manchmal sind Worte wie Müll

Als ich gestern Nachmittag an der Bahnschranke stand und von zwei jugendlichen Mädchen als asozial bezeichnet wurde, war das ein echter Schock für mich. Ich hörte sie nur flüstern, wie sie immer wieder das Wort ‚asozial‘ nannten und in meine Richtung schauten. Zuerst war ich mir nicht sicher, ob sie wirklich meine Person meinten oder sich über ein Thema unterhielten. Erst als die Bahnschranken sich öffneten und ich auf dem Weg lief, wurde mir klar, dass sie das Halsband meines Hundes gemeint hatten. Sie dachten, dass ich meinen Hund mit dem Halsband würgen würden, ohne darüber nachzudenken, dass es einfach nur ein Zughalsband mit Zugstopp war. Quasi ein Missverständnis.

Trotzdem hallen die Worte in meinem Kopf nach. Immer wieder und wieder. Zu allem Überfluss kam uns heute Morgen auch noch ein Ehepaar entgegen, die Frau erschrak über das Auftauchen meines angeleinten Hundes und flüsterte ihrem Mann etwas zu. Das habe ihr gerade noch gefehlt, so ein Schreck. Diese Worte hatten mir auch gerade noch gefehlt, diese Abweisung. Natürlich versuche ich stark zu sein, natürlich versuche ich mir keine Gedanken darüber zu machen, natürlich versuche ich die Worte nicht persönlich zu nehmen. Und natürlich scheitere ich an dem Versuch.

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Mit Bleistift gezeichnetes Mädchen, das mit dem Rücken zur Wand gelehnt in der Hocke sitzt und sich voll Kummer die Hände vor das Gesicht hält.

In solchen Momenten verfluche ich mein Gedächtnis. Alle Worte, alle Sprüche und Aussagen bahnen sich einen Weg und werden mir dadurch in Erinnerung gerufen. Wie meine Klassenlehrerin im achten Schuljahr einst vorne an der Tafel stand, mit dem Kopf schüttelte und vor der gesamten Klasse erklärte: „Sarinijha beschuldigt Euch des Mobbings. Das ist aber nicht die Wahrheit!“ Sie malte viele kleine Kreise an die linke Tafelseite und benannte die Kreise als unsere Schulklasse. Dann malte sie einen kleinen Kreis auf die rechte Tafelseite und benannte diesen Kreis als Sarinijha. Dann sprach sie weiter: „Nicht die Klasse ist gegen Sarinijha, sondern Sarinijha ist gegen die Klasse. Und wie nennt sich dieses Verhalten?! Asozial!“ Mir stockte der Atem. ‚Asozial, asozial, asozial‘ hallte es in meinem Kopf nach.

‚Stille Quelle‘ nannten sie mich und lachten über mein Schweigen. ‚Stur‘ nannten sie mich, weil ich in vielen Situationen schwieg, vor Überlastung meinen Aufgaben nicht nachkam oder in einem Meltdown schrie. Ein Junge lachte über meinen Hintern, der ‚dicker‘ sei als der meiner größeren Freundin. In einer Klasse sagte ein Mädchen hasserfüllt, dass ich auf eine ‚Schule für Taubstumme‘ gehen soll, da wäre ich mit meiner Stummheit besser aufgehoben. In der Berufsschule lachte ich nicht über die Witze der anderen und meine Mitschülerin merkte an, dass ich wohl ‚zum Lachen in den Keller gehen würde‘. Immer wieder hörte ich, dass ich keine Witze verstünde, humorlos sei, alle Aussagen viel zu wörtlich und ernst nehmen würde.

„Du musst dir ein dickeres Fell zulegen“, sagten sie. „Das musst du von dir abprallen lassen“, sagten sie. „Du darfst nicht so ein Sensibelchen sein“, sagten sie. „Da musst du drüber stehen“, sagten sie. All dieses Gerede in meiner Vergangenheit. Nur wie ich das in der Umsetzung schaffe, dass sagte mir nie ein Mensch. Mich verletzten die ständige Kritik, die ständigen Sprüche, die ständigen Hänseleien.

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Mit Bleistift gezeichnetes nacktes Mädchen, das im Sitzen mit den Armen um die Beine greift. Um das Mädchen herum befinden sich Steine einer Mauer.

An Silvester hatte ich dann einen nervlichen Zusammenbruch bei meiner Oma. Ich führte ein langes, philosophisches Gespräch mit ihrem Mann; ausgerechnet vor einer Kneipe. Mit einem Ruck stand ich vom Stuhl auf, stellte mich vor das Fenster der Kneipe und sagte: „So fühlt sich das Leben für mich an. Ich stehe draußen und beobachte die Menschen, die drinnen sind und ihr Leben miteinander teilen. Ich gehöre nicht dazu, ich bin außerhalb des Geschehens. Die stille Beobachterin. Es fühlt sich an, als gehörte ich nicht auf diese Welt.“

Der Mann meiner Oma sah mich an und sprach: „Jeder gehört auf diese Welt. Du gehörst zum Gleichgewicht der Erde. Es muss auch Menschen wie dich geben, damit das Gleichgewicht beigehalten wird; und kein Mensch hat sich ausgesucht zu leben. Du darfst nicht die Dinge sehen, die dich von anderen Menschen unterscheiden, sondern musst die Dinge betrachten, die dich mit anderen Menschen verbinden. Ich weiß, dass du eine Mauer aus Panzerglas um dich herum aufgebaut hast, doch es wird der Tag kommen, an dem diese Mauer gesprengt wird.“

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Eine mit Bleistift gezeichnete Faust, die die Steine der Mauer durchschlägt und ein Loch in der Mauer hinterlässt.

Ich wusste instinktiv, dass er mit seinen Worten richtig liegt. Um mich herum gibt es diese Mauer aus Panzerglas. Nicht zu verwechseln mit dem allgemeinen Klischee, dass Autisten in ihrer eigenen Welt leben. Das entspricht einfach nicht der Wahrheit! Ich lebe in der gleichen Welt wie alle Menschen. Meine Mauer aus Panzerglas ist vermutlich eher ein seelisches Phänomen. Etwas, dass ich mit den Jahren errichtet habe, als die Aussagen sich vermehrten und immer dringlicher und intensiver wurden.

Ein Problem an dieser Mauer aus Panzerglas ist, dass sie wie eine semipermeable Membran funktioniert. Die kritischen, gemeinen und abweisenden Worte kommen immer noch zu mir herein, während Lob an der Mauer abprallt. Ein weiteres Problem ist, dass diese Mauer mir beim Verstecken hilft. Ich verstecke darin meine Gefühle, meine Ansichten, meine Liebe, mein wahres ‚Ich‘. Die Mauer existiert schon so lange, dass ich gar nicht mehr weiß wie es ohne Mauer funktioniert.

Bei Twitter schrieb ich vor einigen Tagen: „Es gibt Tage, da möchte ich wenigstens für einen winzigen Augenblick nicht Autistin sein. Einfach um zeigen zu können, dass ich mit jemandem Kontakt, eine Freundschaft eingehen möchte. Stattdessen verschwinden die Menschen aus meinem Leben ohne von meiner Zuneigung zu wissen.“ Denn manchmal versuche ich die Menschen zu ‚berühren‘, aber stattdessen liegt meine Hand auf dem Panzerglas. Es ist schwer für mich Gefühle und Zuneigung zu zeigen, einen Weg zu den Menschen zu finden, mich zu öffnen und mein wahres ‚Ich‘ durchscheinen zu lassen. Und ich wünsche mir so sehr, dass die Mauer wirklich eingeschlagen oder gesprengt wird.

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Bleistiftzeichnung. Zu sehen ist das helle Loch in der Mauer, das zur Freiheit führt.

In „Zusammen ist man weniger allein“ von Anna Gavalda las ich vor einigen Tagen: „Das Problem ist, dass niemand leben kann, ohne sich mitzuteilen. Niemand. Das ist unmöglich. Also hatte Chu Ta, der wie jedermann, wie du und ich beispielsweise, viel zu erzählen hatte, eine geniale Idee. Er ging in die Berge, weit weg von all den Menschen, die ihn verraten hatten, und fing an zu zeichnen. Von nun an wollte er sich auf diese Weise mitteilen, mit dem Rest der Welt kommunizieren: mit Hilfe seiner Zeichnungen.“

Es ist Zufall, dass ich heute Zeichnungen in den Beitrag einbaue. Nicht das Zeichnen ist mein Zugang zur Komminikation, sondern das Schreiben. Ich weinte aufgrund der Worte von Anna Gavalda. Ich weinte, weil es meine Situation beschreibt. Niemand kann leben ohne sich mitzuteilen; deswegen schreibe ich auf diesem Blog und bei Twitter. Ich schreibe, weil Menschen ihren Müll aus Worten zu mir reinwerfen und weil ich an diesem Müll zu ersticken drohe. Ich schreibe, weil ich nicht mehr in meinem Panzerglas leben will, sondern weil ich hinausgehen und die Freiheit spüren möchte.

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Mädchen, das beide Arme von sich streckt und die Freiheit genießt. Um das Mädchen herum liegen noch einzelne Steine der Mauer.
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8 Kommentare zu „Manchmal sind Worte wie Müll

  1. Ja, dieses Panzerglas, diese „Mauer um die Seele“, kenne ich auch sehr gut. Mit derselben Wirkung: Die Verletzungen kommen immer noch durch, der Rest nicht mehr, oder nicht sehr häufig. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die durch die Mauer kommen, ohne Schaden anzurichten, und es gibt in meinem Leben bislang nur einen Menschen, der es schaffte, durch alle Schichten der Mauer zu kommen, ohne mich zu verletzen. Ich wünsche Dir, daß Du auch solche Menschen findest.

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  2. Um Himmels willen, was ist das denn für eine Lehrerin? Was die mit Dir getan hat ist absolut nicht ok. Wenn Du Dich von anderen gemobbt fühlst, dann ist das für Dich ein sehr reales Gefühl (kenne ich von meiner Tochter, die muss auch viel einstecken) und es darf sich keiner anmaßen, dieses Gefühl als „unwahr“ oder „asozial“ zu bezeichnen. Wo bleibt der Aufschrei? Gefühle skalieren nicht und keiner hat das Recht einem anderen vorschreiben zu dürfen wie viele „Scherze“ er über seine Person ertragen muss. Nein heißt nein und Stop heißt Stop, egal ob der Kontext „Anmache“ ist oder eben „Hänseleien“.
    Solche Dinge zu lesen macht mich sehr traurig, denn es bestätigt die Vermutung, dass die Macht die wir Leuten über andere Menschen geben (in Deinem Fall Lehrerin die dir was beibringen soll) von diesen dann auch oft mißbraucht wird um denen weh zu tun.

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  3. Diesen Vorfall mit der Lehrerin hattest Du irgendwann schon mal beschrieben. Ich finde den Text aber jetzt nicht wieder. Vielleicht habe ich da schon kommentiert. Denn es macht mich wütend, wenn ich diesen Sachverhalt lese.

    Die Lehrerin trägt eine Verantwortung für die Schüler. Nicht ohne Grund benutzt der Gesetzgeber in einigen Zusammenhängen für die Schüler den Begriff „Schutzbefohlene“.

    Da geht die Schülerin den schweren Schritt, ihre Probleme mitzuteilen und der Lehrerin zu sagen, daß sie gemobbt wird. Und die Lehrerin hat nichts besseres zu tun, als diese Schülerin bloßzustellen? Selbst, wenn man annimmt, daß die Lehrerin wirklich denkt, daß kein Mobbing vorliegt, so müsste sie sich doch fragen: „Warum sagt meine Schülerin, daß sie gemobbt wird? Wieso empfindet meine Schülerin die Situation so ganz anders als ich sie wahrnehme?“. Sie hat die Verantwortung, dieser Sache auf den Grund zu gehen.

    Das passiert in der achten Klasse, also zu einem Alter, wo die Mädchen gerade mitten in der Pubertät stecken. Das ist ja eine Lebensphase, wo der Mensch ohnehin nicht besonders gefestigt, sondern eher psychisch labil ist. In dieser Phase wendet sich eine Schülerin, die offensichtlich ein Problem hat, an die Lehrerin. Doch statt daß diese das Problem ernstnimmt, wird die Schülerin vor der Klasse bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben. In diesem Moment spielt doch die Lehrerin mit dem Leben der ihr anvertrauten Schülerin! Ist ihr das denn nicht bewusst? Was denkt sie sich bei diesem Verhalten?

    ich würde wirklich gerne wissen, was die Lehrerin dazu sagen würde, wenn man sie heute mit dem damaligen Vorfall konfrontierte – vor allem, wenn man ihr klarmacht, daß dieser Vorfall noch bis in die heutige Gegenwart seine zerstörerische Wirkung entfaltet.

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  4. Also, ich finde auch, die Lehrerin war es, die sich „asozial“ verhalten hat! Tut mir sehr leid für dich…
    und ich kenne das mit den Flashbacks auch nur zu gut, ich erlebe es zB, immer wieder wegen meiner Orientierungslosigkeit angeprangert zu werden, früher wurde ich dafür gemobbt (ebenfalls auch von Lehrern!) und heute gemieden, z.B. komme ich wegen so einem „Grund“ nicht als Partnerin infrage, etc…
    Sry, ich verliere mich

    Ansonsten kann ich mich Daniel nur anschließen, diese Lehrerin ist sich wohl nicht gewahr, was sie Dir angetan hatte, geschweige denn einer Schuld bewusst? Dann sollte diese Frau mal damit konfrontiert werden.
    V.a. war sie im Unrecht…viele waren das in Deinem Falle; du bist nicht nur Opfer von übelstem Mobbing, sondern auch eines des Patriachats, wie so viele weibliche Autisten! Am 8.3.2018 wird sich dagegen auch deshalb in Hannover am Hauptbahnhof aufbegehrt…

    Und ich kann es sehr gut verstehen, dass Du Dein Gedächtnis verfluchst. Ich habe ein ähnliches Langzeitgedächtnis und wünsche mir auch, manchmal einfach vergessen zu können…kann ich aber nicht. Die anderen wiederum können allerdings vergessen, dass ich vergesse und das ist gut so!
    Auf der anderen Seite bin ich sehr froh über mein Langzeitgedächtnis und werde nie vergessen, dass andere Leute mich gerettet haben und es vllt immer noch tun…

    Liebe Grüße
    Katharina

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  5. „Du musst dir ein dickeres Fell zulegen“, sagten sie. „Das musst du von dir abprallen lassen“, sagten sie. „Du darfst nicht so ein Sensibelchen sein“, sagten sie. „Da musst du drüber stehen“, sagten sie. – kommt mir irgendwie bekannt vor. Menschen pff.

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