Identitätskrise

Momentan fühlt es sich an, als hätte ich in den letzten vier Jahren alle Energie dafür verwendet, mich unter den Menschen an der Uni ’normal‘ zu verhalten. Tagtäglich habe ich darum gekämpft, meine ‚autistischen‘ Verhaltensweisen zu unterdrücken und mich meiner Umgebung anzupassen. Mit sorgfältiger Präzision habe ich mich verhalten wie ein Chamäleon. Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass ich im Studium auf die gleiche Weise negativ auffalle wie damals in der Schule.

Dabei bin ich mehr als einmal weit über meine Grenzen hinausgegangen und habe nicht gemerkt, dass mir diese Lebensweise alle Kräfte aus dem Körper entreißt. Vielleicht ist das die Veränderung, die im Sommer mit mir vorgegangen ist. In den Semesterferien durfte ich einfach nur ich selbst sein; bin meinen Interessen nachgegangen und hatte Menschen in meiner Umgebung, die mich auf meine Art und Weise akzeptieren. Nach Jahren habe ich wieder Gedichte und kurze Phrasen geschrieben, habe erneut meine Stifte zur Hand genommen und Bilder gezeichnet, mich vollkommen in der italienischen Sprache verloren.

Als die Uni wieder losging, sind quasi zwei Welten aufeinandergeprallt. Auf einmal hatte ich keine Energie mehr, um in das Kostüm des Chamäleons zu schlüpfen. Meine Fähigkeit der letzten Jahre, meine Unfähigkeiten zu kompensieren, habe ich irgendwann im Sommer verloren. Auf einmal saß die wahre Sarinijha in den Vorlesungen. Sämtliche Ängste und Befürchtungen stürmten ohne Filter auf mich ein, weswegen ich es nur eine einzige Woche an meinem Studienort aushielt. Nach dieser einen Woche floh ich zurück in meine Heimat. Und da sitze ich nun mit meiner ‚Krise‘.

Es ist die Wahrheit. Ich habe keine Energie mehr, keine Kraft, um das Chamäleon zu sein. Auch wenn das bedeutet, dass ich wieder von den Menschen ausgeschlossen werde. Es schmerzt mich bis tief in meine Seele, bringt mich beinahe um den Verstand. Nach vier Jahren bin ich seelisch und körperlich am Ende. Das waren vier Jahre als Chamäleon, vier Jahre mit Masken und Kostümen. Ich habe mich immer wieder und wieder selber verraten und verleugnet, indem ich vorgab dieses Chamäleon zu sein. Erst im Sommer habe ich gemerkt, dass unter all diesen Schichten noch immer die ‚wahre‘ Sarinijha steckt. Abgekämpft, mit den ständigen Gedanken an das Ende dieses furchtbaren Lebens. Nur sehr unscheinbar hat diese Sarinijha noch Träume und Wünsche, ihre eigenen Interessen und Werte.

Es fühlt sich an, als würde nun alles auf der Kippe stehen. Ist da noch genug Energie, um das Leben zu erhalten, oder ist der letzte Funke bald erloschen.

Nun rächt es sich, dass ich mich vier Jahre lang selbst unterdrückt habe, um nur ein einziges Mal in meinem Leben ‚dazugehören zu dürfen‘. Ich habe gelächelt, auch wenn mir zum Weinen zumute war. Ich habe gesprochen, auch wenn ich das Schweigen bevorzugt hätte. Ich habe mein Stimming unterdrückt in Situationen, in denen es mein einziger Puffer gewesen wäre. Ich habe Vorträge gehalten und zum Schluss sogar mündliche Prüfungen versucht, obwohl ich keine Konzentration und keine Kraft für diese Unterfangen hatte.

Mir haben zahlreiche Menschen Komplimente gemacht, weil ich nicht wie eine Autistin auf sie wirke. Ich habe gelächelt und mich gefreut, weil genau das mein Ziel war; ich hielt es für erstrebenswert ein Chamäleon zu sein. Das wurde zum Sinn meines Lebens. Mit Hilfe des Chamäleonkostüms konnte ich sein wie meine Kommilitonen. Doch das war ein Trugschluss. Durch das Kostüm habe ich nicht nur verhindert ich selbst zu sein, sondern habe dadurch auch suggeriert, dass ich keine Hilfe brauche. Obwohl ich in vielen Situationen sehrwohl auf Hilfe angewiesen wäre.

Ich habe meine ganze Energie dafür verwendet nicht aufzufallen, nicht ich selbst zu sein, nicht in ‚alte Verhaltensmuster‘ zu fallen. In der Schule damals wurde ich verlacht und verspottet, sowohl von Mitschülern als auch von Lehrern. Unter keinen Umständen wollte ich, dass es in der Uni auf die gleiche Weise verläuft. Ich habe die Menschen beobachtet, ihr Verhalten imitiert, um von außen betrachtet wie alle anderen Menschen zu wirken. Nur in meinen ‚eigenen vier Wänden‘ durfte ich mich selbst entfalten, um wenigstens zu einem kleinen Teil neue Energie und Kraft zu schöpfen.

Dabei habe ich nicht gemerkt, wie hoch der Preis für dieses Leben als Chamäleon tatsächlich war. Es hat mich mein eigenes Leben gekostet, um nach außen hin nicht wie eine Außerirdische zu wirken. Ich habe einen hohen Preis bezahlt, mich tagtäglich selber verraten, meine ganze Energie in dieses Projekt gesteckt. Ich war ständig und immer ‚auf der Hut‘.

Bloß nicht die Hände flippen lassen, weil das Aufmerksamkeit erregt. Bloß nicht zu lange den Schal an meine Nase halten, obwohl es eine beruhigende Wirkung auf mich hat. Bloß über die Witze der anderen lachen, damit niemand einen blöden Spruch über mich macht. Bloß irgendwelche Worte finden, damit sich niemand über mein Schweigen wundert. Bloß lächeln, damit ich irgendeine Art von Mimik zeige. Bloß niemanden wissen lassen, wie viel mir meine Eltern helfen. Bloß nicht zeigen, dass ich noch nie alleine in einem Kleidungsgeschäft war. Bloß verheimlichen, dass Berührungen sich auf meiner Haut wie Feuer anfühlen. Bloß nicht zeigen, dass ich mich vor Veränderungen fürchte. Bloß nicht zeigen, dass mir neue Situationen eine Heidenangst machen. Bloß nicht zeigen, dass ich in den Vorlesungen nicht vor großen Gruppen sprechen kann. Bloß nicht zeigen, dass mir große Menschenmengen arge Probleme bereiten. Bloß niemanden wissen lassen, dass ich bei Gruppenarbeiten kein Wort von der Thematik verstehe, weil die Teamarbeit an sich meine ganze Konzentration benötigt. Bloß niemanden wissen lassen, dass ich manchmal wie eine Fünfjährige brülle, weil die Welt mir zu viel ist.

Ich könnte die Liste ewig weiterführen, denn die Bedingungen des Chamäleonkostüms waren beinahe endlos. Wenn ich jetzt auf die vier vergangenen Jahre zurückblicke, habe ich keine Ahnung, woher ich die Energie genommen habe. Im Grunde genommen weiß ich im Moment nur noch, dass genau diese Energie nicht mehr vorhanden ist. Wenn ich mein Studium zuende bringen und mein Leben weiterführen möchte, muss ich auf das Kostüm verzichten. Das macht mir riesengroße Angst. Ich befüchte jedoch, dass ich keine andere Wahl habe. Ich habe nicht mehr die nötige Kraft.

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2 Kommentare zu „Identitätskrise

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