Wald

Wald
Für mich bist Du nicht
Kalt
Du bist wie eine
Weise
Reise
Und nur sehr leise
Begegne ich Dir
(Sarinijha)

Die folgende Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.
Sie wurde durch das Projekt.txt inspiriert, denn das siebte Wort lautet „Wald“.

Einst lebte das Mädchen in einer Großstadt. Wald bedeutete hier bereits eine kleine Ansammlung von Bäumen. Das Mädchen spazierte häufig mit ihrer Mutter durch diese kleine Ansammlung. Fasziniert berührte sie Blätter, blickte durch das grüne Dach zum Himmel hinauf und sammelte Tannenzapfen vom Boden. Vor allem im Herbst berührte der kleine Wald ihr Herz, denn er schenkte dem Mädchen kostbare Früchte. Vorsichtig zupfte sie die Brombeeren von den Büschen.

Das Mädchen war sehr klein und zierlich. Die Leute in ihrer Umgebung sagten seltsame Sachen über sie, die das Mädchen nicht verstand. Sie esse wie ein Spatz, sie sei wie ein Strich in der Landschaft oder wie eine Feder, die vom Wind davongetragen wird. Die Phrasen ergaben für sie keinen Sinn, aber die Worte selbst lösten Fantasiebilder in ihr aus. Sie sah einen kleinen Spatz, der von Ast zu Ast flog, und eine schimmernde Feder, die in der Sonne glitzerte.

Essen war wahrlich nicht ihr Lieblingsthema. Sie sortierte Lebensmittel nach Form und Farbe, denn Nahrung musste stets getrennt voneinander gegessen werden. Die Menschen sorgten sich um das Mädchen. Und deswegen erfreute es die Mutter, wenn sie im Wald nach den Brombeeren griff und sie sich genüsslich in den Mund steckte. Von den leicht säuerlichen Früchten konnte das Mädchen nie genug bekommen.

Die Natur wurde des Mädchens bester Freund, doch das Großstadtleben machte ihr das Herz schwer. Der kleine Wald und die weiten Felder außerhalb der Stadt wurden dem Mädchen eintönig. In den Ferien fuhr sie häufig ans Meer oder in die Berge. Doch die kurzen Aufenthalte verstärkten ihre Sehnsucht. Es war, als würde die Luft in der Stadt immer knapper werden. Niemand bemerkte es, nur das Mädchen rang um Atem. Oft stand sie am Fenster, legte ihre Hand gegen die kühle Scheibe und wünschte sich, sie könnte ihr Zimmer und ihr Elternhaus verlassen.

Viele Wochen, Monate und sogar Jahre stand das Mädchen an diesem Fenster. Ihr Fernweh wog schwer, aber ihre Angst vor der Welt noch schwerer. Doch die Sehnsucht wurde ihr Antriebsmittel.

Eines Tages, als sie längst kein kleines Mädchen mehr war, stand sie vor einem Mann. Ihre Hände zitterten, weil es um ihre Zukunft ging. Der Mann blickte sie an und gab ihr eine Chance, obwohl er bemerkte, dass das Mädchen anders war. Er bildete sie aus und brachte ihr die Natur dadurch noch näher. Sie lernte viel über Pflanzen und ihre Eigenschaften. Und ihr Herz blühte auf.

Nur die Sehnsucht wurde niemals kleiner. Als das Mädchen mit der Ausbildung fertig war, kniete sie im Gras und blickte zum Himmel hinauf. Sie weinte. Die Menschen zeigten wieder mit den Fingern auf sie und verstanden nicht, dass das Mädchen nicht zufrieden war. Als die Tränen des Mädchens trockneten, wurde ihr Blick leer und schweifte in die Ferne. Die Sehnsucht richtete sie auf, aber ihre Knie waren grün vom Gras. Und die Leute lachten über sie.

Das Lachen hörte das Mädchen nicht mehr. Sie hörte nichts als die Sehnsucht in ihrem Herzen. Und so verließ sie den Pfad der Menschen und blieb auf der Wiese. Mit schweren Steinen pflasterte sie sich ihren eigenen Weg.

Am Ende des Weges stand das Mädchen wieder am Fenster. Ihre Hand lag erneut an der kühlen Scheibe. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet, auf der ein großer Wagen stand. Sie lächelte, während die Sehnsucht ihre andere Hand hielt.

Das Mädchen begab sich auf eine Reise. Sie verließ ihr Zimmer, ihre Eltern und die Menschen in der Stadt. Sie zog aus, weil sie nicht mehr in den Träumen leben wollte, sondern draußen in der Welt. Dort fand sie in der Ferne einen kleinen Ort, an dem aus ihrem Herz ein Schmetterling wurde. An diesem Ort lernte sie noch mehr über die Natur, aber hier war die Natur zur gleichen Zeit auch greifbar.

So wanderte das Mädchen hinauf auf den Hügel, der sie über das ganze Städtchen blicken ließ. Sie ruhte sich aus und genoss den Anblick, ehe sie den Weg weiterschritt und oben im Wald landete. Und der Wald an diesem neuen Ort war groß und voll von Zauberei. Stundenlang schritt sie unter den Bäumen hindurch, entdeckte einen Bach und bewunderte die vielfältigen Pflanzen.

So wurde aus der Sehnsucht Liebe.

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