Keine Spezialinteressen

Beim Thema ‚Spezialinteressen‘ fühle ich mich immer wie eine Außenseiterin. Teilweise fällt es mir leichter, mich selbst als Autistin zu outen, als Autisten von meinen fehlenden Spezialinteressen zu berichten. Es gibt tatsächlich kein Thema, mit dem ich mich leidenschaftlich über Stunden hinweg bis in die tiefsten Details beschäftigen kann.

Als ich mich einem Kommilitonen gegenüber outete, war seine erste Reaktion: „Aber Autisten konzentrieren sich doch immer so auf die Details?“ Das ich mich in meinem Studium nicht leidenschaftlich gern mit Details beschäftige liegt an einem einzigen Grund: Es ist nicht mein Spezialinteresse. Und hier folgt jetzt nach meinem ersten Outing, dass ich kein Spezialinteresse habe, auch schon mein zweites Outing: Ich bin Autistin und naturwissenschaftliche Themen fallen mir schwer.

In der Tat studiere ich in einem naturwissenschaftlichen Masterstudiengang. Hätte mir das vor zehn bis fünfzehn Jahren jemand gesagt, hätte ich laut gelacht und mit dem Kopf geschüttelt. Nur durch meine Ausbildung bin ich in diese Richtung geraten, während mir damals in der Schule gerade die Naturwissenschaften besonders schwer gefallen sind. Sie fallen mir auch heute noch schwer und sind deswegen auf keinen Fall mein Spezialinteresse, aber ich habe mich ganz gut in meinen Beruf und in mein Studium eingelebt und mache das Beste aus der Situation.

Seit dem Masterstudiengang habe ich zumindest die Möglichkeit, die Naturwissenschaften gering zu halten, und mehr in die Marktforschung einzusteigen. Ich weiß, dass einige meiner Kommilitonen dafür nicht sehr viel Verständnis haben, aber Marketing und Betriebswirtschaftslehre fallen mir wesentlich leichter. Ich finde es unheimlich interessant das Verhalten von Menschen zu erforschen, also beispielsweise die Kaufentscheidungen von Kunden zu analysieren oder mich damit zu beschäftigen, weshalb es in meinem Beruf einen Fachkräftemangel gibt und sich immer weniger junge Leute für eine Ausbildung entscheiden.

Ein Kommilitone fragte mich neulich, weshalb ich nicht eher Markting studiert hätte; aber mein Leben ist bisher selten in klar definierten Linien verlaufen. Ich schlängel mich quasi so durchs Leben und habe erst in meinem jetzigen Studium festgestellt, dass das Thema Marketing genau meine Welt ist.

Was einem Spezialinteresse ansatzweise nahekommt, ist bei mir aber die Kreativität. Sich mit Kreativität bis ins kleinste Detail zu beschäftigen ist aber eher schwierig, sofern sie sich auf die eigene Kreaitivität beschränkt. Schon als Kind habe ich gerne gezeichnet, gemalt, fotografiert, gebastelt und geschrieben; und das zog sich auch über meine Jugend bis jetzt ins Erwachsenenalter. Immer, wenn meine Mutter mich mit einer Schere sah, wusste sie schon, dass mein Zimmer bald wieder ein Chaos ohne Ende sein würde. Nichtsdestotrotz kann ich die Kreativität nicht als Spezialinteresse sehen, eher als Hobby und vielleicht auch als Kompensationsmechanismus.

Zumindest wurde mir bei meiner Fotografie schon gesagt, dass ich mich sehr auf Details konzentriere. Ich liebe hier tatsächlich Details, weswegen ich mir damals auch ein Makroobjektiv gekauft habe, um Pflanzen und Tiere nach Möglichkeiten in ihren Einzelheiten zu erfassen.

Es gibt verschiedene Themen, die mich interessieren, aber ich kratze dort eigentlich immer nur an der Oberfläche herum. Psychologie wäre als Jugendliche beinahe mein Spezialinteresse geworden, aber meine Mitmenschen hatten wenig Verständnis dafür und machten sich Sorgen, dass ich mich dadurch noch mehr in meine seelischen Probleme hineinsteigere. Deswegen habe ich irgendwann das Interesse an Psychologie verloren, oder besser gesagt mich nur noch sporadisch mit dem Thema beschäftigt.

Das ich das Interesse an Psychologie nie ganz verloren habe, zeigt sich aber auch in meinem jetzigen Studium. Wie ich oben bereits geschrieben habe, interessiert mich die Marktforschung, die ja auch in Verbindung steht mit der Analyse von Menschen und ihren Entscheidungen plus Handlungen. Spezialinteresse wäre hier aber auch nicht das richtige Wort.

Ich fühle mich eher wie eine Springerin. Ich springe von Interesse zu Interesse und von Hobby zu Hobby, ohne mich in einem Thema gänzlich verlieren zu können.

Vermutlich heißt es deswegen auch „autistisches Spektrum“. Trotzdem zucke ich beim Thema „Spezialinteressen“ immer für einen Moment zusammen und mache mir unzählige Gedanken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s