Umfrage ASS

Durch @butterblumenland wurde ich auf eine derzeit kursierende Umfrage aufmerksam, bei denen Eltern von jungen Autist*innen befragt werden sollen, wie das Freizeitverhalten ihrer Kinder aussieht.

Zunächst wirkt die Umfrage seriös, weil das Logo des Bundesministerium für Bildung und Forschung erichtlich ist, dabei fallen mir bereits auf der ersten Seite einige Ungereimheiten auf. Die Einleitung der Umfrage ist unheimlich lang, so dass ich beim letzten Absatz quasi schon wieder den ersten Absatz vergessen habe. Dabei steht doch bereits im ersten Abschnitt, dass es notwendig ist, mehr Informationen zu sammeln. Es wirkt auch sehr wiedersprüchlich auf mich, dass zunächst die Freizeitangaben der Kinder mit ASS wichtig sind, es später aber auch heißt, dass verschiedene Bereiche im Leben des Kindes befragt werden. Mir bleibt unklar, was jetzt die Priorität der Umfrage ist.

Die ersten Fragen sind demografische Standards. Ich selbst setze diese meist ans Ende meiner Umfragen, falls der Teilnehmer diese nicht beantworten möchte. Hier werden sie gleich zu Beginn gestellt; vielleicht um einen ‚leichteren Einstieg‘ zu haben. Mich persönlich schreckt das in diesem Fall eher ab, weil es den Eindruck vermittelt, dass die persönlichen Daten der Eltern eine größere Rolle spielen als das eigentliche Thema. Es weckt sofort mein Misstrauen, aber im Grunde genommen steht ja schon in der Einleitung, dass hier Daten gesammelt werden.

Nachdem der Teilnehmer Angaben über sein Geschlecht, Alter, Familienstand, Nationalität, Staatsangehörigkeit, Muttersprache, Schlussabschluss, Bildungsabschluss (hier braucht es einen langen Atem) machen durfte, kommen nun Fragen zum Partner. Auch dieser wird möglichst von allen Seiten beleuchtet. Besonders wichtig ist auch die Beziehung zum Partner, also ob der Teilnehmer vom Partner beispielsweise in den Arm genommen wird, welche Äußerungen der Partner macht, ob Unterhaltungen stattfinden und wer wem die Schuld für irgendetwas gibt.

Es erweckt den Eindruck auf mich, als wolle hier jemand den Eltern die Schuld für den Autismus zuschieben. Und es scheint, als wolle der gleiche Jemand das alte Klischee der Kühlschrankmütter hervorholen. Quasi: Wenn es im Elternhaus keine Liebe gibt, dann wird das Kind auf jeden Fall autistisch. Liebe Eltern, das ist nicht die Wahrheit. Lasst Euch bitte nicht einreden, dass Ihr Eure Kinder zu wenig lieben würdet.

Danach geht es in der Umfrage darum, ob der Teilnehmer genug Geborgenheit und Hilfe von anderen Menschen erfährt. Die Freizeitaktivitäten und das Leben der jungen Autist*innen werden hier immer noch in keinster Weise erwähnt. Es scheint mir, als wolle da jemand immer noch darauf pochen, dass Kinder autistisch werden, weil es zu wenig Liebe, Geborgenheit und Hilfe in der Umgebung gibt. Oder als müsse die ‚Schuld‘ immer noch auf die Eltern übertragen werden.

Auch auf der nächsten Seite geht es immer noch um das Elternteil, das an der Umfrage teilnimmt. Jetzt soll herausgefunden werden, ob der Teilnehmer sein Kind anschreit, außer Kontrolle gerät oder beispielsweise verletztende Aussagen gegenüber des Kindes trifft. Aber seien wir mal ehrlich: In welcher Familie geht es immer friedlich zu?! Was ist hier also Sinn und Zweck dieser Fragen?!

Nun geht es endlich ums Kind. Welches Geschlecht das Kind hat, welches Alter, welche genaue Diagnose und wo diese Diagnose gestellt wurde, beispielsweise beim Hausarzt oder beim Psychotherapeuten oder Psychiater. Ähm, Hausarzt?! Wieso ist der Hausarzt eine Antwortmöglichkeit?! Geht es hier darum, etwas aus dem Leben der Autist*innen zu erfahren?! Oder eine mögliche Fehldiagnose aufzudecken?! Oder herauszufinden, wie viele unfähige Hausärzte es gibt?! Aber stimmt ja, es werden ja alle möglichen Informationen gesammelt. Wie konnte ich das vergessen, wo der Einleitungstext ja kurz und aussagekräftig war (Ironie).

Nach weiteren Fragen geht es nun endlich um das Kind an sich. Aber auch hier wirken die Fragen eher, als wolle die Diagnose noch einmal überprüft werden. Ob das Kind jemals die Fürwörter verwechselte, ob Sachen wiederholt wurden und ob ein wechselseitiges Gespräch mit dem Kind möglich ist. Es folgen unzählige Fragen in dieser Richtung, so dass jeder Teilnehmer mittlerweile zwangsläufig ermüden muss, zumal er ja zu Beginn schon seitenweise ‚Nichtigkeiten‘ ausgefüllt hat. Alle Fragen und Aussagen habe ich mir hier ehrlicherweise nicht durchgelesen, da der seitenlange Text mich schon erschöpfte und mir angesichts der vielen Zeilen die Lust verging.

Wer hier noch nicht müde geworden ist, darf jetzt bis zu drei Lieblingsbeschäftigungen seines Kindes niederschreiben. Danach wird gefragt, wie viel Zeit das Kind mit diesen Beschäftigungen verbringt. Verbringt nicht jedes Kind gerne Zeit mit seinen Lieblingsbeschäftigungen?! Anschließend der umgekehrte Fall. Nun sollen drei Beschäftigungen eingetragen werden, die das Kind nicht mag. Wozu spielt das eigentlich eine Rolle?! Was soll hier eingetragen werden?! Etwa soziale Interaktionen, weil Autist*innen keinesfalls mit anderen Kindern in Kontakt sind?! Einige Seiten später soll auch noch angegeben werden, wie viele Stunden das Kind pro Tag schläft, in der Schule ist, an den Hausaufgaben sitzt, mit den Menschen in seiner Umgebung verbringt oder alleine ist.

Nun ist etwas mehr als die Hälfte der Umfrage erledigt. Moment mal: Erst knapp über die Hälfte? Ja, natürlich! Es werden ja Informationen gesammelt und hier muss jemand eine ganz besondere Sammelleidenschaft haben.

Im Abschluss geht es noch seitenweise um Geräte im Haushalt, wie etwa Fernseher, Computer, Handy oder Konsolen. Natürlich spielt die Technik in der heutigen Zeit eine große Rolle, aber wieso wird über Seiten hinweg nur auf dieses eine Thema eingegangen?! Bei mir entsteht schon wieder der Eindruck, als wolle die Schuld auf die Eltern geschoben werden, weil zu viel Technik die Kinder vereinsamen und autistisch(er) werden lässt (Ironie). Es könnte aber auch wieder an den Kühlschrankmüttern liegen, die ihre Kinder stundenlang an der Konsole spielen lassen, anstatt sich um ihre Kinder zu kümmern und sie mit Küssen und Umarmungen zu liebkosen (Ironie).

Am Ende des Fragebogens stellen sich mir nur noch zwei Fragen:
1. Gab es einen Pretest zu dieser Umfrage?
2. Und wurde der Pretest Eltern von Autist*innen vorgelegt oder irgendwelchen Unbeteiligten?

Meine Vermutung ist, dass es entweder keinen Pretest gab oder der Pretest mit Unbeteiligten durchgeführt wurde. Meine Empfehlung wäre aber gewesen, den Pretest Eltern von jungen Autist*innen vorzulegen, denn diese hätten Empfehlungen und Verbesserungsvorschläge überbringen können, die die Umfrage aus meiner Sicht dringend nötig gehabt hätte.

Alles in dieser Umfrage wirkt auf mich, als würden nicht die Freizeitaktivitäten der Autist*innen untersucht werden, sondern als wolle hier jemand Informationen sammeln und die Frage der Schuld klären. Auch der Hinweis, dass die Fragebogenerstellerin in einem Autismustherapiezentrum arbeitet, bei welchem unter anderem AVT (eine Form von ABA) angeboten wird, jagt mir eher einen Schauer über den Rücken.

Die gesamte Umfrage steckt voller Klischees, aber auch der Aufbau an sich ist sehr fragwürdig.

Daher noch einmal:
Liebe Eltern,
passt auf, bei welchen Umfragen Ihr teilnehmt und was Ihr über Euer Leben preisgebt. Ihr tragt keine Schuld daran, dass Eure Kinder Autist*innen sind. Sie sind es nicht durch zu wenig Liebe oder zu viel Technik geworden; und sie werden auch nicht durch AVT oder ABA geheilt.

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