Tagträumereien

In der letzten Zeit war ich zunächst voll und ganz mit meiner mündlichen Prüfung beschäftigt, die leider kein Erfolg war. Ich saß an diesem Tisch mit den zwei Prüfern und hatte nur den Wunsch, dass der Erdboden aufreißt und mich in die Tiefe zieht. Da schwirrten die Antworten auf die Fragen in meinem Kopf herum, aber ich konnte die Worte nicht greifen. Die Worte fühlten sich an wie Wasserdampf. Ich versuchte nach ihnen zu greifen, aber meine Hände gingen durch sie hindurch. Wieder spürte ich die Blicke der Prüfer. Einige Zeichnungen malte ich mit zitternden Händen aufs Papier, schrieb Worte daneben und versuchte die Worte zu erklären, aber sie waren wie Schall und Rauch.

Nach einer halben Stunde verließ ich den Raum, damit die Prüfer sich besprechen konnten. Es war wieder ein Schock für mich, dass ich die Erschöpfung im Prüfungsraum nicht bemerkte, mich beim Verlassen des Zimmers aber nur noch kraftlos gegen die Wand lehnen konnte. Ich hatte Angst, dass meine Beine mich nicht mehr halten würden. Ich starrte auf die Eingangstür.

Einer der Prüfer holte mich zurück in den Raum. Ich stolperte fast über meinen eigenen Füße, konnte nur noch in Schlangenlinien gehen. Dann blieb ich mitten im Raum stehen, ließ meinen Blick nach Innen kehren und sagte: „Ich kann nur hoffen, dass Sie mich haben durchfallen lassen.“ Im Nachhinein hätte ich gerne die Blicke der Prüfer gesehen, aber mein Blick blieb nach Innen gerichtet, da ich keine Energie zum Kompensieren hatte. Ich sollte mich erstmal hinsetzen.

Dann sagte der Hauptprüfer, also der Professor des Moduls: „Wir haben uns lange besprochen und es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Wir können Sie mit einer mittelmäßigen Note bestehen lassen, obwohl wir das Gefühl haben, dass Sie mehr können und nur die Worte nicht gefunden haben. Leider können wir nicht-vorhandene Worte nicht benoten, auch wenn Sie irgendwo in Ihrem Kopf sind. Die andere Möglichkeit ist, dass Sie die Prüfung im Herbst schriftlich wiederholen. Wir denken, dass das die bessere Wahl ist, weil das Wissen sicher in Ihnen steckt und eine schriftliche Klausur Ihnen gegenüber fairer ist.“

Meine Entscheidung war längst getroffen; somit darf ich die Prüfung nun im Herbst schriftlich wiederholen. Die Worte des Professors waren eine große Überraschung für mich, denn in der Vergangenheit fühlte ich mich eher unverstanden. Andrerseits ist es fast etwas frustrierend, dass ich den Menschen meine ‚Unfähigkeit‘ scheinbar immer erst ‚beweisen‘ muss. Es war auch seltsam, dass der Prof mich einmal zwischendurch duzte; es schaffte eine fast eigentümliche Nähe und Vertrautheit. Es geschah, als ich mich im Chaos der Worte fast verlor. Ich bin nicht einmal sicher, ob es ihm selbst aufgefallen ist. Ich hatte beinahe den Eindruck, als wollte er mir ein Seil zuwerfen, an dem ich aus dem Loch klettern sollte. Aber kaum hatte ich den Eindruck, verlor sich dieser auch schon wieder.


Ich Sehne Mich Nach Einem Filter

Der Schlimmes Gut Verdünnt
Ich Weichzeichne All Das
Was Mich Begleitet
Radier Die Harten Kontraste Ganz Weich
Ich Lege die Realität Weg In Den Keller
Denn Sie ist So Schrecklich Schwer
(Balbina)

Nach der Prüfung rutschte ich ziemlich schnell in die Tagträumereien. Scheinbar in den letzten Tagen meine einzige Möglichkeit, die Realität ertragbar zu machen und neue Energie zu schöpfen. Ich träumte mich an andere Orte und lauschte der Musik. Ohne Musik setzte ich keinen Schritt mehr vor die Tür. Sogar bei den Gassirunden mit meinem Hund brauchte ich meine Kopfhörer, obwohl ich diese sonst ohne Musik bewältigt bekomme.


Ich Lass Keinen An Mich Ran

Denn Sonst Laufe Ich Gefahr
Dass Man Mich Berührt
Ich Mach Einfach Zu
Verriegel Die Tür
Und Verbiege Den Schlüssel
(Balbina)

Morgens erwachte ich um sieben Uhr und blieb zwei Stunden im Bett liegen, weil ich mich der Tagträumereien hingegeben habe. Von morgens bis abends verbrachte ich viel Zeit in dieser Parallelwelt. Oft begleitet von Musik. Es war ein schönes Gefühl, als säße ich in einer Seifenblase und würde vom Wind in den Himmel getragen werden. Alles erschien mir leichter, wie in glänzende, bunte Farben getaucht.

Heute Morgen dann die Erkenntnis, dass ich immer tiefer in die Tagträume rutsche. Ich konfrontierte mich selbst mit der harten Realität. Dieser Schritt kostete mich einiges an Überwindung. Im ersten Augenblick wollte ich schreien und heulen, aber dann stellte sich Erleichterung ein. So sehr mir die Tagträume in gewissen Momenten des Lebens helfen, so sehr können sie nach einer Weile auch zur Belastung werden. Ich atmete tief durch und es fühlte sich an, als würde mich jemand am Schopf packen und mit voller Wucht gegen die Realität rammen. Seit heute Morgen hatte ich allerdings keinen Tagtraum mehr; und ich vermisse die Träumerei momentan auch nicht.

Natürlich werde ich auch in Zukunft wieder Tagträumen nachhängen. Vereinzelnd mal am Tag, manchmal vor dem Schlafengehen. Aber nicht in der Intensität der letzten Tage.

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