Sozialkontakte in der Schulzeit

Nun war ich länger nicht in meinem Blog, aber heute muss ich mir unbedingt etwas ‚von der Seele schreiben‘. Eine Kommilitonin von mir ist dieses Wochenende bei einem Klassentreffen, weswegen sie in der letzten Zeit zwei Gespräche anregte. Ich selbst war nicht aktiv an diesen Gesprächen beteiligt, sondern fungierte ausschließlich als Zuhörerin. Und somit hörte ich, wie meine Kommilitonen sich über ihre damalige Schulzeit unterhielten.

Zunächst war ich sehr interessiert, aber nach einer Weile bemerkte ich, dass ich emotional immer mehr Abstand zu dem Gesagten nahm. Das erste Gespräch verwirrte mich, aber in der Stille daheim wurde mir bewusst, dass sich die Schulzeit meiner Mitmenschen von meiner eigenen Schulzeit stark unterscheidet. Somit war ich beim zweiten Gespräch gefasster, aber noch immer brauchte ich diese emotionale Distanz.

Allein schon die Tatsache, dass meine Kommilitonen noch Kontakt zu Mitschülern aus der Grundschule haben. Ich selbst hatte in der Grundschule keine Freundschaften. Meist stand ich mit dem Rücken zur Wand des Schulgebäudes. Ich erinnere mich aber auch noch an zwei Mädchen. Sie standen am Rand des Schulhofs, tanzten und absolvierten ihre Ballettübungen, die sie fürs Eiskunstlaufen benötigten. Ich stand bei ihnen und beobachtete ihre Bewegungen. Sie kommunizierten miteinander und lachten. Ich bemerkte an ihren Aussagen, dass sie auch ihre Freizeit gemeinsam verbrachten.

Es klingt vielleicht seltsam, aber ich wurde einfach nicht ’schlau‘ aus diesen Mädchen. Ich verspürte eine gewisse Bewunderung für die Beiden, weil sie auf einer Ebene kommunizierten, die ich mit Logik und Intelligenz nicht greifen konnte.

Meine Kommilitonen sprachen dann von Arbeitsgemeinschaften, Unternehmungen und Gesprächen in den weiterführenden Schulen. Nichts dergleichen betraf mich selbst, weil ich auch nach der Grundschulzeit nicht mit meinen Mitschülern kommunizierte. Bei Arbeitsgemeinschaften versuchte ich immer das kleinste Übel zu finden, was in meinem Fall ein Badmintonkurs und Theater bedeutete. Im Theaterstück musste ich zwar vor Publikum sprechen, aber ein auswendig gelernter Text bereitete mir weniger Probleme. Ich sprach kein Wort in dem Kurs, außer wenn ich mit meiner kurzen Passage an der Reihe war.

Weiterhin sagte meine Kommilitonin, dass sie zu den Leuten vom Klassentreffen zwar keinen Kontakt mehr hätte, aber sie sich mit den Menschen damals zumindest neutral verständigen konnte. Wenn ich hingegen an meine damalige Schulzeit denke, möchte ich meinen Frust und meine Wut am liebsten an einem Boxsack auslassen. Aufgrund meines Schweigens war ich ‚die perfekte Zielscheibe‘. Nie und nimmer würde ich auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwenden, zu einem Klassentreffen zu gehen.

Zum Ende meiner Schulzeit hatte ich dann dennoch drei Freundinnen. Eine von ihnen war in meiner Klasse und saß am Tisch neben mir; den anderen beiden schrieb ich damals Briefchen. Niemals hätte ich sie ansprechen können, aber mit dem Schreiben versuchte ich eine erste Kontaktaufnahme. Sie schrieben mir sogar Briefe zurück, aber nur durch meine Tischnachbarin kam es letzt endlich zu einer Freundschaft mit gesprochenen Worten.

Leider war das zu einem Zeitpunkt, an dem ich seelisch ziemlich am Ende war. Der Kontakt verlor sich nach dem Abschluss. Erst zehn Jahre später nahm ich zu allen drei Mädels wieder Kontakt auf; und eine von ihnen ist heute meine beste und im Grunde genommen einzige Freundin.

Im Gegensatz zu meinen Kommilitonen sprach ich auch nicht mit Lehrern. Ich führte keine Unterhaltungen mit ihnen, machte ihnen keine Geschenke und habe auch heute zu niemandem mehr irgendeinen Kontakt.

Nach den Gesprächen meiner Kommilitonen brauchte ich erst etwas Ruhe. Mir wurde bewusst, wie sehr sich meine eigene Vergangenheit von ihren unterschied. Obwohl ich mich heute ’stabil‘ fühle, wenn ich an meine Kindheit und Jugend denke, hat diese Zeit mich dennoch sehr geprägt.

2 Kommentare zu „Sozialkontakte in der Schulzeit

  1. Danke für deinen Text. Obwohl nie jemand festgestellt hat, ob ich Autistin bin, sehe ich, wie viele Dinge ich so ähnlich erlebt habe wie du. In meinem Umfeld bin ich vielleicht ein bisschen seltsam, gehe aber als neurotypisch durch. Wie ich mich selbst definieren soll, weiß ich nicht.

    Ich hatte mehrere Aha-Momente. Der stärkste fand wohl statt, als ich in der Mittelstufe war: Da kapierte ich plötzlich, dass sich alle außer mir nicht nur fast jeden Nachmittag trafen, sondern dass sie auch mit Leuten befreundet waren, die gar nicht in ihre eigene Klasse oder noch nicht mal auf die gleiche Schule gingen. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen, ich brauchte nachmittags meine Ruhe. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich Kontakt zu Leuten herstellen soll, die nicht auf meiner Schule waren.

    Ich war ein leichtes Mobbingopfer, weil ich anders war. Zum Glück hat eine Lehrerin das in Klasse 6 beendet, es ging ziemlich einfach, indem sie sehr laut und sehr lange mit der Klasse redete. Danach war ich immer noch anders, aber die anderen Kinder schienen verstanden zu haben, wie schlimm es ist, anderen weh zu tun. Mir gab ihr Eingreifen Mut. Anders als du bin ich keine Mutistin. Reden habe ich mir aber auch unter erarbeiten müssen. Smalltalk habe ich viele Jahre nicht verstanden, auch jetzt kann ich ihn nicht leiden, aber ich kann mich im Zweifel anpassen. Dennoch bin ich anders. Ich habe auch keinen Kontakt zu Menschen aus meiner Schulzeit und oft das Gefühl, ich würde in Bezug auf Beziehungen immer oder meistens verbrannte Erde hinter mir lassen.

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