Menschliche Kontakte

Momentan sitze ich bei der Gassirunde gerne oben auf dem Hügel. Dort gibt es eine Parkbank, die zumindest am Nachmittag und Abend im Schatten liegt. Von hier oben habe ich einen Blick über das gesamte Städtchen, also über sämtliche Hausdächer und einige Straßen. In der Entfernung sehe ich einige Nachbarstädte. Ich liebe diesen Ort, weil die Aussicht dort oben mein Leben widerspiegelt.

Ich sehe das Städtchen, die Hausdächer und Straßen. Manchmal ist mir, als könnte ich durch die Mauern hindurchblicken und die Menschen in ihren Häusern und Wohnungen sehen. Sie alle leben gemeinsam in dieser Stadt. Sie sitzen zusammen am Esstisch, gehen zum Eis essen ins Dorf, schauen sich etwas im Fernsehen an oder erzählen sich an Straßenecken die Neuigkeiten und Sensationen.

Währenddessen sitze ich oben auf ‚meinem‘ Hügel. Alleine. Oft genieße ich die Ruhe und Abgeschiedenheit, aber manchmal sehne ich mich auch nach der Stadt unten. Gern würde ich hinunter gehen und am Leben der Menschen teilnehmen, aber auf diese Art und Weise funktioniere ich scheinbar nicht. Manchmal bin ich tatsächlich unten in der Stadt, aber dann laufe ich wie ein ‚unsichtbarer Geist‘ durch die Straßen.

Manchmal, ja manchmal, da sehne ich mich nach einem Menschen, der zu mir auf den Hügel kommt und mir Gesellschaft leistet. Doch die Wahrheit ist, dass der Aufstieg den Menschen zu schwierig ist. Vielleicht sehen sie mich auf dem Hügel, aber sie nehmen mich nur am Rande wahr. Ich bin wie eine Erscheinung, bei der sich niemand sicher ist, ob es sich dabei nicht doch nur um einen Lichtreflex handelte.

Dieser Hügel existiert hier, aber er steht auch sinnbildlich für mein Leben. Ich fühle mich am Rande des Geschehens. Häufig bin ich dabei, aber nie gehöre ich richtig zu dem Geschehen dazu. Oft bin ich glücklich über das Alleinsein und schöpfe neue Energie daraus, aber in manchen Momenten macht es mich einsam. Da gibt es diese stillen Momente, in denen ich mir wünsche, dass sich jemand für mich Zeit nehmen, also zu mir auf den Hügel kommen würde.

Aber ehrlich gesagt: Ich habe das mit der Kontaktaufnahme zu Menschen noch immer nicht verstanden. Eine Kommilitonin von mir spricht sogar mit einer Dozentin über „Gott und die Welt“. Ich bewundere sie dafür, weil ich häufig nicht einmal drei vollständige Sätze aneinandergereiht bekomme. Wenn ich ganz ehrlich bin, liegt das nicht immer an meinen Kommunikationsproblemen, sondern auch daran, weil ich mir selbst nicht das Recht zum Sprechen einräume.

Im November des letzten Jahres hatte ich in einem Chat ein Gespräch, in dem mir diese Tatsache zum ersten Mal bewusst wurde: Ich spreche auch deswegen nicht mit Menschen, weil ich niemanden mit meinen Problemen und Sorgen belästigen möchte. Ja, ich fühle mich in diesen Momenten wie eine Nervensäge. Ich begreife nicht, weshalb ich das Recht haben sollte, anderen Menschen mit Worten meine Last aufzuerlegen. Seit ich denken kann, versuche ich meine Probleme ‚mit mir selbst auszumachen‘. Schon zu Grundschulzeiten bekam ich deswegen die Kritik, dass ich versuchen würde alles auf meine eigene Weise und mit mir selbst zu regeln.

Leider verstehe ich auch noch immer nicht, wie ich einer Person zeigen kann, dass ich sie gern habe und vielleicht sogar näheren Kontakt zu ihr hätte. Mir ist es schleierhaft, wie Menschen zueinander finden. Im freundschaftlichen Sinne. Ich beobachte viel, aber aus diesen feinen zwischenmenschlichen Signalen werde ich einfach nicht schlau. Und das ist der Grund, weshalb Menschen an mir und meinem Leben vorüberziehen. Menschen, die ich gern habe, aber denen ich mein Interesse nicht zeigen kann.

Ich mein, ich kann ja schlecht eine Mail schreiben à la: ‚Hey, ich möchte unbedingt mit Dir befreundet sein. Hab zwar keine Vorstellung wie das funktionieren kann, aber in Deiner Nähe fühle ich mich wohl und der Gedanke daran, dass Du eines Tages aus meinem Leben verschwindest bringt mich fast um den Verstand‘.

Es bringt mich wirklich fast um den Verstand, wenn ich eine Person vermisse, die vermutlich längst keinen weiteren Gedanken an mich verschwendet. Das ist aber mein Leben. Ich stehe am Rande und die Menschen ziehen an mir vorbei, weil ich es nicht zu ihnen in die Stadt schaffe und sie mich auf dem Hügel nicht bemerken oder ihnen der Weg zu beschwerlich ist.

Und wenn ich noch viel ehrlicher bin: Manchmal weise ich auch Menschen ab, die ich gern habe und die es zu mir auf den Hügel geschafft haben. Wie eine Arbeitskollegin aus meinem ersten Lehrjahr. Ich besuchte sie eines Tages auf ihrer neuen Arbeitsstelle und sie gab mir sogar ihre Adresse mit dem Hinweis, dass ich gerne zu Besuch kommen dürfte. Das Angebot habe ich nie angenommen, was aus heutiger Sicht ein schwerer Fehler war. Ich mochte sie wirklich gerne, aber ich hatte zur gleichen Zeit auch Angst und Zweifel, ob sie ihr Angebot wirklich ernst meinen könnte.

Ja, ich wünschte ich könnte die Zeit zurückdrehen.

Ich wünschte, meine Unsicherheit und meine Selbstzweifel würden mir nicht im Weg stehen. Immerzu bin ich im Kontakt zu anderen Menschen unsicher, zweifelhaft und hinterfragend, weil mir die Motive und Erwartungen unklar sind. Immerzu habe ich Angst, dass meine eigenen Erwartungen zu hoch oder zu falsch sind.

Immerzu…

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